Heute entdecken immer mehr Menschen, dass sie selbst verantwortlich sind
für ihre Gesundheit und ihr seelisch-geistiges Wohlbefinden. Weil das westliche
System der Medizin sich auf die Behandlung von Krankheiten und ihren Symptomen
beschränkt und zudem immer teurer wird, steigt das Interesse an Alternativen
und wirksamen Ergänzungen, vor allem für die Gesundheitsvorsorge. Die alten asiatischen Kulturen bieten uns
zahlreiche effektive Systeme zur Stärkung des Immunsystems, zur Steigerung der
Lebensenergie und zur Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Diese Übungen
gehen auf Jahrtausende altes Wissen zurück. Langlebigkeit und Gesunderhaltung
waren schon immer ein elementares Ziel der chinesischen Lebensphilosophie.
Wir leben jetzt in einer Zeit, in der traditionelles Wissen, das in China und Indien einst einer privilegierten Elite vorbehalten war, öffentlich unterrichtet wird und somit weltweit zugängig geworden ist. Das ist die Globalisierung von Ideen, die durch umherreisende Meister, in westliche Sprachen übersetzte Bücher und Kommunikation über das Internet möglich wird. Viele der traditionellen Übungssysteme erfüllen auf geradezu ideale Weise unser Bedürfnis im Westen, wieder mehr zu innerer Ruhe zu finden, uns kraftvoll und zufrieden zu fühlen und selbstverantwortlich für unser physisches und psychisches Wohlergehen sorgen zu können. Der folgende Abschnitt: „Was ist Qigong?“ ist aus meinem Buch „Qigong für Anfänger“ entnommen.
Was
ist Qigong?
Qigong oder Qi Gong wird wie „Tschi Gung“ ausgesprochen und nach einer älteren Umschriftweise aus dem Chinesischen auch Chi Kung geschrieben. In der chinesischen Schriftsprache gibt es verschiedene Zeichen für den Begriff Qi. Eines davon zeigt, wie Dampf über gekochtem Reis aufsteigt, ein anderes zeigt Leere über dem Feuer. Unten ist etwas Grobstoffliches und oben etwas Feinstoffliches. Dampf, Gas und Luft sind Bedeutungen von Qi, weiter bezeichnet es Atem und feinstoffliche Energie. Gong bedeutet Arbeit, Training und erworbene Fähigkeit. Qigong ist also eine Übungsmethode zur Stärkung unserer Lebensenergie und auch ein Weg zur Verbesserung aller Lebensprozesse.
Das Wort Qigong
wird in China erst seit rund 50 Jahren als Oberbegriff für eine Vielzahl von
Übungssystemen benutzt, die vorher unter verschiedenen Namen nebeneinander
bestanden. So bezeichnete Daoyin gymnastische Übungen zum Leiten des Qi
durch Dehnungen des Körpers, Tuna wurden Atemübungen zur Aufnahme von neuem
und Ausstoßen von altem Qi genannt, Yangsheng hießen alle Gesundheit fördernde Übungen
und Xingqi nannte man die
Praxis, das Qi mit Hilfe der Vorstellung an bestimmte Punkte zu lenken.
Häufig werde ich
nach dem Unterschied zwischen Qigong und Taichi (=Taiji) gefragt. Taichi heißt
eigentlich Taijiquan und bedeutet soviel wie Faustkampf im
Einklang mit den Gesetzen des Universums. Es wird den sanften Kampfkünsten zugeordnet,
während Qigong eher als Übung für die Gesundheit angesehen wird. Heute
untersteht Taijiquan in China dem Sportministerium und Qigong dem
Gesundheitsministerium. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht, denn
natürlich gibt es einen großen Überschneidungsbereich. Es gibt Taijiquan als
Bewegungsmeditation und Gesundheitsübung ebenso wie es „Hartes Qigong“ (Ying Gong) gibt, um den Körper durch Angriffe unverletzbar zu machen. Die
daoistische Philosophie von der Harmonie des Menschen mit Himmel und Erde und
der gesamten Natur liegt beiden zugrunde. Manche Ansichten gehen sogar so weit,
Taijiquan als einen Teilbereich des Qigong zu rechnen, da es auch eine Übung
für die Lebensenergie Qi darstellt.
Qigong kann sowohl als Grundlage wie auch als Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) angesehen werden und hat eine mehrere tausend Jahre alte Geschichte. Grundlage ist es insofern, als es viel älter ist und teilweise über die TCM hinausgeht, und Bestandteil, da es in China und anderswo als Teil der Therapiemethoden der TCM angesehen wird. Qigong mobilisiert die Selbstheilungskräfte, hilft energetische Blockaden zu lösen und harmonisiert alle Körperfunktionen. Ähnlich wie die Akupunktur beeinflusst Qigong die Meridiane und ihre Energiepunkte. Die Übungen dienen sowohl zur vorbeugenden Gesundheitspflege als auch zur Therapie von Krankheiten. Langlebigkeit bei guter Gesundheit und Lebensfreude gehörten schon von alters her zu den obersten Zielen der chinesischen Lebensphilosophie.
Die Übungssysteme des Qigong verbinden einfache Körperhaltungen mit langsamen Bewegungen und ruhige Atmung mit dem Lenken der Vorstellung. Entspannung und Konzentration verbinden sich auf natürliche Weise miteinander. Die körperliche Konstitution wird gekräftigt, und zugleich kommt der Geist zur Ruhe. Anders als bei gymnastischen Übungen wird eine bewusste Lenkung der inneren Energien angestrebt. Die meisten Qigong-Übungen werden im Stehen oder im Sitzen ausgeführt, manche auch im Gehen oder im Liegen. Jeder Mensch kann sie erlernen, unabhängig von Herkunft, Wissen, Alter und Geschlecht. Sie sind in der Regel nicht allzu anstrengend, so dass auch ältere und geschwächte Personen sie ausüben können.
Qigong lässt sich nach verschiedenen Kriterien unterteilen in:
· Übungen in Bewegung (Donggong) und Übungen in Ruhe (Jinggong), auch „Stilles Qigong“ genannt
·
Äußere Übungen (Waigong) zum Training des
physischen Körpers und innere Übungen (Neigong) zur Entwicklung des
Geistes
· Übungen aus der daoistischen und aus der buddhistischen Tradition
· Medizinisches Qigong, Kampfkunst-Qigong und Qigong der schönen Künste (letzteres z.B. in Verbindung mit der Kalligraphie)
Oftmals haben sich im Lauf der Jahrhunderte diese Elemente miteinander vermischt zu Übungen in Bewegung und Ruhe oder halb daoistischen und halb buddhistischen Übungen. Heute gibt es in China wie bei uns im Westen eine Tendenz, Qigong auf eine medizinische Therapiemethode zu reduzieren, obwohl seine Wirkungen viel umfassender sind.

Taijiquan morgens in einem Pekinger Park